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12. Western Tibet – Der Mt. Kailash

der heilige berg der tibeter bei klarer sicht, welcher noch nie erklommen werden durfte

Der heilige Berg der Tibeter bei klarer Sicht, welcher noch nie erklommen werden durfte

 
 
Der Mt. Kailash, der heiligste Berg Asiens, der von den Tibetern und den Hindus gleichermassen verehrt wird. Der Kailash, und das ist das besondere an ihm, steht frei, quasi isoliert im schwer zugaenglichen Westen Tibets. Die 4 groessten und wichtigsten Stroeme des Subkontinents, der Karnali, der Ganges, der Indus und der Brahmaputra haben hier entweder direkt oder ueber Umwege ihren Ursprung. Der heilige Kailash wurde bzw. durfte bisher noch nicht bestiegen werden! Immerhin hausen der Sage nach auf seinem Dach die Goetter – und wer moechte das schon in Frage stellen?! Selbst Reinhold Messner hatte 1980, obwohl er von der chinesischen Regierung bereits die Erlaubnis hatte, die Besteigung aus Gewissensgruenden abgebrochen. Guter alter Reinhold?! Auch Buddha ist schon um den Berg marschiert, so heisst es, zumindest hat er einige Footprints hinterlassen, die ich aber leider nicht finden konnte! Bei den Buddhisten nennt sich die heilige Umwanderung, die im Uhrzeigersinn praktiziert wird, ‚Kora‘, bei den Hindus ‚parikrama‘. Nur den Boen’s, einer prae-buddhistischen Religion ist es gestattet das Heiligtum anticlockwise zu umgehen! Ein guter buddhistischer Tibeter sollte den Berg in seinem Leben mindestens 13 mal umgangen sein, will er aber mehr, d.h. die absolute innere Reinigung und ab ins Nirwana sind mind. 108 Koren faellig. So lauten nun mal die Spielregeln!
 
lonesome rider

lonesome rider

 
Auch ich konnte etwas Reinigung gebrauchen, dachte ich mir und machte mich auf die 3taegige 54 km lange Kora. Dabei musste ich mich mit meinen 42 Jahren unerwarteter Weise bei diesen Hoehen noch mal richtig ins Zeug legen, obwohl ich ja bereits nicht wenig Trekkingerfahrung aus Nepal hatte. Hier oben waechst kein Baum oder Strauch mehr und selbst die meisten Feuerzeuge versagen in diesen sauerstoffarmen Hoehen. Man hat das Gefuehl, der Rucksack wiegt nicht mehr 10, sondern 30 kg! Am 2. Tag hat mich der Droelma La Pass kurz vor seinem Zenit auf 5630 Metern nochmal zum Nachdenken gebracht. Dazu hatte ich genuegend Moeglichkeiten, denn gut alle 20 Meter brauchte ich eine Verschnaufpause. Ein indischer Pilger war in der Nacht im Nachbarguesthouse an High-Altitude-Sickness gestorben. Einfach nicht mehr aufgewacht! Solche Dinge ereignen sich auf der Kora in aller Regelmaessigkeit hab ich mir sagen lassen. Die Tibeter, die die Hoehenluft anscheinend wie die Yaks zum ueberleben brauchen, haben in dieser Hinsicht weitaus weniger Probleme. Die hartgesottensten unter ihnen umrunden den Berg innerhalb eines Tages, der Reinigungsgrad ist dann etwas hoeher! Das gleiche gilt uebrigens bei Vollmondnaechten. Und wer es dann so richtig wissen will, der umrobbt den heiligen Kailash.
 
 
 Wie lange so etwas dauern mag, konnte ich leider nicht herausfinden. Oft wurde ich auf dem Trekk von Glaeubigen nach Bildern oder sonstigem des Dalai Lamas gefragt, aber ich hatte nichts zu bieten – hatte gar nicht daran gedacht. Schade eigentlich. Der Besitz eines Bildes des Dalai Lamas wird uebrigens nach chinesischem Recht mit 7 Jahren Gefaengnis bestrafft. Hatte Frau Merkel das bei ihrem kuerzlichen Besuch im Reich der Mitte eigentlich angesprochen?!
 
Und dann gab es da natuerlich auch noch einige tibetophile Westler (einmal am Tag darf man ja wohl mal gemein sein?!), die man dann abends in den Guesthouses bei Instantnudelsuppe traf. Viele hatten die Kora schon etliche Male bewaeltigt, sie kommen jedes Jahr oder machen sie gleich 3mal hintereinander usw. Einer der Godfathers, ein Franzose, war bereits bei seiner 14. Kora. Unter den Westlern hatte man vor ihm Respekt, man schaute zu ihm auf. Zu Recht! Die Tibetophilen sprechen ganz leise und bedacht, mit langen, langen Pausen und natuerlich nur ueber Reinigungsprozesse und Tibet. Wenn man ein Bier in ihrer Gegenwart trinkt, verdrehen sie die Augen und schauen verschaemt weg. Fuer sie, und da waren sich alle einig, ist die Kora das groesste und ergreifenste Ereignis und Gefuehl des menschlichen Daseins. Auch ich wollte dieses Gefuehl haben, dachte ich mir und nahm mir vor, es am naechsten Tag des Wanderns ebenso erfuehlen zu wollen!
 
Curios fand ich auch die vielen streunenden Wildhunde um den Kailash. Mir war es bisher auch nicht bewusst, aber die Tibeter zerhacken nach dem Ableben einen Leichnam und werfen die einzelnen Koerperteile den Geiern zum Frass vor damit sie empor zum Himmel getragen werden. Da es aber immer weniger Geier in dieser Gegend gibt, haben sich die tibetischen Wildhunde auf das suesse Menschenfleisch spezialisiert. Angeblich soll vor kurzem sogar eine alte Tibeterin das Opfer eines dieser Rudel geworden sein, so hat mir das zumindest eine Schweizerin erzaehlt, die hier schon mehr als ein Jahr fuer eine Hilfsorganisation taetig ist. Nach der 3taegigen Kora war ich dann auf jeden Fall so richtig erledigt und hab mich mit Mueh und Not nach Darchem geschleppt, dem Ausgangsort am Fusse des heiligen Berges. Aber es hat sich gelohnt, ich hatte mich etwas gereinigt – ich kann es sogar fuehlen. Und seitdem bin ich auch wirklich auf der Hut, diesen hart erkaempften Freiraum in meinem Koerper nicht wieder unnoetig zu beschmutzen!
 
Sonnenuntergang in Darchem, dem Ausgangspunkt für den Kailash

Sonnenuntergang in Darchem, dem Ausgangspunkt für den Kailash

 
Fazit: Dennoch kann ich mit der Meinung der Tibetophilen nicht ganz Konform gehen. Wenn ich die Wahl haette zwischen einer erneuten Kora oder einer wilden Liebesnacht, dazu ne halbe Kiste Bier und ein oder zwei guten Schallplatten, wuerde ich letzteres bevorzugen!
 
 
 

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